UCI Grand Fondo Championships Poznan / Polen 29.08.-01.09.2019

uci

Nach der Zeitfahr-Schweizermeisterschaft, die ich nicht gerade mit einer Topleistung absolvieren konnte, nahm ich etwas raus um mich fokussiert auf die Amateur Master WM in Poznan Polen vorzubereiten. Dazu gehörte im Juli die Teilnahme am Teamzeitfahren in Sulz zusammen mit Paul- und da fand ich auch meine Beine wieder- einfach herrlich wenn es dreht. Das national Bernische Einzelzeitfahren am 1.August in Bleienbach war die nächste Bestätigung, dass die Form stimmt. Als letzter Schliff sollte zwei Wochen vor der WM der Rothaus Bike Giro mit vier kurzen knackigen Etappen dienen. Auch da lief es super- immer auf dem Podest der alten Säcke, aber gegen einen 55kg Grand Master war mit meinen 79kg einfach kein Kraut gewachsen- viel wichtiger aber, ich bin förmig. Die Woche darauf nur noch kurze intensive Einheiten, Material Check und in der Nacht auf Sonntag die lange Fahrt nach Posen ins Tomarowa Apartment , zusammen im Konvoi mit Manfred, Felix und Ella.

Die Fahrt easy ohne Stress mit genügend Pausen. Einchecken am späten Nachmittag für das Apartment zuoberst im 16. Stock mit fantastischer Sicht über Posen.

Apartment

Die Wetteraussichten Hochsommerlich bei über 30°C- genial- so können Pia und Ella die Sehenswürdigkeiten der Stadt abmarschieren und wir bei bestem Wetter die Grand Fondo und Zeitfahrstrecke abfahren. Mein Fokus ist und war immer klar auf das TT Rennen als mein Highlight des Jahres ausgelegt, das Strassenrennen nehme ich wiederum als grosses Abenteuer in Angriff.

Montag schon gegen 09.00 Uhr, um der Hitze zu entgehen, gehen wir zusammen auf die Besichtigung der Strassenrennen Strecke, bis sich bei Km40 die Medio und Gran Fondo Strecken teilen. Nun bin ich für 110km alleine unterwegs- heiss, sehr schnell da total flach, feiner Belag, Abschnitte mit Kraterfelder und Schlaglöcher, unendlich lange Geraden zwischen Baum-Alleen und viel Gegenwind- wenige Kurven und keine technische Anforderungen..

supermarkt
Heiss-Durst- und polnisch ist nicht zu verstehen

Frage auf Strava an meine Kollegen; wie kriegen wir hier all die Heuer im Feld los ?? Antwort von Roger: es wird viele Stürze geben und Windkantenstaffeln- also konzentriert vorne fahren ! Klingt logisch, macht mir aber echt Sorgen.

Dienstag geht’s mit dem Auto 45‘ hinaus in die Pampas zum Bednary Driving Center um die Zeitfahrstrecke über 18.3km und 51 Hm abzufahren- Eindruck; Roller Strecke da Flach- enge schmutzige Gegenverkehr Kurven- und viel Wind- ansonsten technisch anspruchslos.

Mittwoch den Start und Zielbereich der Strassenstrecke abfahren, alles verinnerlichen und ab zur Akkreditierung und Kontrolle der TT-Maschine. Und ja, die Polen haben wohl das Desaster in Varese mitbekommen- ziemlich speditiv werden uns die Race Packages ausgehändigt. Auch die Schlange an der Ausmesslehre ist nicht zu lange- alles ok- nur das Bike von Manfred muss noch einer gröberen Anpassung unterzogen werden- die Extension sind zur Armauflage zu hoch- man(n) sollte halt nicht noch kurz vor der WM rumbasteln..

Donnerstag-Renntag Time Trail 18.3km/51Hm                                                             

Start Age Group 50-54 mit der Startnummer 787 um 13.17.30. Entsprechend früh geht‘s am Morgen los, raus zum Bednary Driving Center- Schattenplatz suchen, den heute soll es gegen 33° heiss werden- einrichten, Startgelände erkunden, dann einfach nur rumhängen und im Gras dösen.

TTwarmup1
Warm-up von Manfred und Felix

Exakt nach Zeitplan geht’s 11.30 Uhr auf die Freirolle ins Aufwärmprogramm- mit Kühltuch und Eis Spray kühlen so gut es nur irgendwie geht- 12.00 runter von der Rolle-Schweiss abtrocknen-Gel rein- Überschuhe hochziehen, Helm auf und nervös zum Startbereich zur Bike Kontrolle- Motor Doping Scan ok- rauf auf die Rampe und mein Puls rast urplötzlich in unerklärlich hohen Sphären…somit ist mein Rennen bereits hier und jetzt gelaufen-Herzrasen- ich könnte schreien, weinen…. Countdown und ab mit Drehzahlbegrenzer. Bis zum Wendepunkt möchte ich am liebsten einfach nur die Beine hängen lassen, kämpfe mit Emotionen- wenden fast im Stillstand um die Pylone und im Wiegetritt wieder raufbeschleunigen- hallo-was ist passiert? nun dreht mein Motor plötzlich Vollgas und die letzten 9.2km kann ich über 100% abrufen- voll auf Anschlag rein auf die Rennpiste

TT Race
ohne Worte

und dem Erbrechen nahe in 24.49.51 ins Ziel- mit 30 Watt unter der Normalleistung reicht es zum 10.Rang mit gerademal 47“ Rückstand auf den Sieger- es ist zum kotzen. Die ehrliche Selbstreflektion zeigt auf, dass ich mit selbstauferlegtem Erwartungsdruck (und nicht zum ersten Mal) nicht umgehen kann- so viel investiert- super Form und Beine um zumindest ein Top five Ergebnis zu erreichen- zerbrochen an mir selbst- riesige Enttäuschung-Brutal.

Freitag auf das Rennrad-Kopf lüften und erneut den Start-und Zielbereich in einer 50km Schleife abfahren- erneut brutal heiss. Auf Grund der teils miesen Strassenverhältnissen und Rat von Manfred montiere ich an meinen Aerolaufrädern anstelle der TT Reifen pannensichere Continental 5000.

Posen

Heute Abend essen wir mal auswärts in der malerischen Altstadt polnische Pierogi Gerichte und trinken guten Wein- Balsam für die Seele- das Leben ist schön.

Der Samstag ist Race-Prep Tag- wir Schweizer, zusammen mit Uli dem deutschen Weltmeister und Team Estonia, gehen die Beine drehen und letzter Material Check. Die neuen Pneus laufen gut und geben mir die Sicherheit nicht auf Grund von schlechtem Material das Rennen zu verhauen. Ich gebe es zu, mir ist Angst und Bange wenn ich daran denke mit 270 Age Groupern die 151km/451Hm unter die Räder zu nehmen. Ein Radler am Nachmittag mit Pia und Manfred im kühlen Biergarten und Älplermagronen zum Znacht im Apartment von Ella und Felix, bei einem guten Glas Wein entspannen wunderbar.

Biergarten

Meine Form könnte kaum besser sein und äs chund wiäs chund- Velofahre chasch ja oder..

Sonntag-Renntag Gran Fondo 150km/451Hm

Start der Age Group 50-54 um 09.28 Uhr- bereits 45‘ vorher finde ich mich im Startblock ein und small talke mit den Italienern.

Die Favoriten sind ganz vorne platziert- ja, vorne hat’s immer Platz- das wird eines meiner Moto für heute sein. Möglichst all den Heuern hinten aus dem Weg gehen. Pünktlich wird die Meute losgelassen, das Abenteuer kann beginnen- absolut konzentriert sprinte ich nach vorne- full stopp- Chaos pur, wir haben das Leaderauto überholt und müssen dies nun irgendwie wieder nach vorne lassen- dann erfolgt der offizielle Start. Meine Position ist immer rechts und möglichst weit vorne- da sind meist die erfahrenen routinierten Fahrer-weniger Stress- raus aus der Stadt auf breiter Strasse. Nach 5km steht schon die erste Ambulanz-drin sitzt ein vom Asphalt geschundener Fahrer. Bei km9 die erste scharfe rechts Kurve weg von der Hauptstrasse in eine schmalere Nebenstrasse- und nicht weiter verwunderlich kracht es hinten schon mal richtig heftig.

imFeld

Bei jeder der wenigen noch folgenden Richtungsänderungen werden durch blödsinnige Bremsmanöver und Wellen Fahrer zu Boden geschickt-zur rechten Zeit am richtigen Ort sein- und dann verhaken sich bei km50 zwei vor mir und reissen gleich weitere mit zu Boden-Vollbremsung, reflexartig ausweichen mit Jump über ein Vorderrad- huerä Glück gha und im Sprint wieder nach vorne. Im Dorf Pinne bei km60 ist die erste und wirklich ernennungswürdige längere ansteigende Welle mit Seitenwind- war mir schon bei der Reko Fahrt klar, dass hier die ersten konkreten Angriffe erfolgen werden. Prompt bilden sich Windkantenstaffeln und vor mir wird die Lücke nicht geschlossen-shit- sofort auf Anschlag der Spitzengruppe hinterher und meine Beine drehen fantastisch. Oben auf der Welle die erste Verpflegungsstation-und Witz lass nach, gemäss Rider Briefing am Vorabend sollen wir absteigen und selber Wasser holen.. an einer WM, die höchste sportliche Herausforderung für uns Amateure- einfach nur lächerlich. Ich habe zwei Bidon mit einer grösseren Prise Salz drin dabei-muss reichen. Fast logisch, dass nun dutzende von Helfer am Strassenrand stehen und Bidon oder Musette reichen- ein Fahrer vor mir macht Anstalten von seinem Helfer eine Musette zu erhaschen- drücke mich vorsichtshalber vorbei und schon knallt’s heftig-die Musette im Lenker verheddert…zur Richtigen Zeit am richtigen Ort ! Nun holen wir immer mehr Medio Fondo Altersgruppen ein und plötzlich sind auch die Frauen in unserem Feld- dies macht anscheinend den einen oder anderen Fahrer nervös- blödsinnige Positionskämpfe/Macht-und Ego Gehabe und schon knallt gewaltig neben mir- hysterisches Frauengekreische und heftige Knackgeräusche von Mensch und Material- ein Gemetzel! Vorne lanciert Bruce Bird Attacke um Attacke und sofort springen Ihm alle ans Hinterrad- ich schaue zu und warte-noch ist es viel zu weit ins Ziel- zu viel Gegenwind auf den langen Geraden. Im weiteren Rennverlauf bis zur zweiten Verpflegung bei km103 wird vorne immer wieder gebummelt, was mich veranlasst zwei drei Mal rauszuknallen, doch keiner will richtig mitfahren-Abbruch, rechts ran, einordnen und konzentriert bleiben. So bei km120 bin ich bei einem deutschen Fahrer und frage ob jemand rausgefahren sei- „ja, das Führungsmotorrad ist nicht mehr vor uns“ tatsächlich, habe ich doch wieder den Postabgang verschlafen und fast logisch, es ist der Kanadier Bruce Bird mit der Nummer 909 die fehlt- ist ja mit seiner Körpergrösse im Feld kaum zu übersehen. Shit- irgendwo in einem kleinen Dorf bei Km90 hat der letztjährige Doppelweltmeister Bruce eine Attacke lanciert. Nun rotiert es in meinem Kopf und schon knalle ich volle Kanne aus dem Feld raus- will ich dem Massenprint mit den noch immer 50Mann starken Feld aus dem Weg gehen und eine Medaille gewinnen, muss ich jetzt alles in eine Waagschale werfen und die 25km bis in Ziel als Zeitfahrer runterhauen- wie sagt mein Freund und Teamkamerad Hans-Urs doch immer ; „wir verdienen unser Geld nicht mit Velofahren“ also all in !

Ein Belgier springt sofort an mein Hinterrad- will Ihn in die Ablösung bringen- er verweigert- Kraftausdruck auf Englisch- drücke noch mehr und weg ist er. Jetzt oder nie, lasse keine Zweifel aufkommen und drücke mit Hammer Beinen eine super Pace- ein Blick zurück, das Feld schaut sich an- keiner hebt den Arsch- gut so, darauf habe ich gehofft- Unterlenker und Blick nach vorne. Nach ca.4km sehe ich ein Führungsmotorrad und Auto vor mir- es ist tatsächlich Bruce, sehe das Kanada Wappen- ein massiver Motivationsschub lässt mich geradezu zu Ihm hinfliegen- gehe sofort vorbei und rufe „come on let’s work together“ und er sagt „I need a rest, I’m not a machine“ Ich glaube nicht recht zu hören und frage, ob er mit mir spiele- toter Mann spielen und dann mich runter spurten- No I’m not playing with you- zwinge Ihm eine Führung auf, doch da fehlt der Druck- rufe ihm zu; come on they gone catch us if we don’t push hard !

break mit Bruce
all in

Doch da kommt zu wenig- übernehme nun wirklich lange Ablösungen bis 10km vor dem Ziel, da lasse ich meinem Ärger freien Lauf und sage zu Ihm ; hey you’re the defending World Champion, what’s going on ??? Er übernimmt eine kurze Führung, aber nun ist für mich klar, dass er nicht spielt, er ist kaputt und kann sich gerade so in meinem Windschatten halten. Noch 5km und das Kopfkino dreht, einfach nicht übertölpeln lassen, wachsam sein- ihn nochmals in den Wind setzen. 2km vor dem Ziel fahren wir in eine andere Age Group rein – gar nicht gut- denn nun sind wir voll in deren Massenprint drin- sehe Bruce links von mir im Pulk sprinten- all out und mit Leichtigkeit sprinte ich durch jede Lücke auf die letzten 150m ins Ziel

Finish
real or not ?

UNGLAUBLICH ICH BIN WELTMEISTER– schreien und weinen alles auf einmal- nach dem Ziel werde ich von Bruce umarmt- er gratuliert und bedankt sich, dass ich Ihm die Silber Medaille ermöglicht habe- ein fairer und echter Sportsmann. Keine Zeit um weiter zu plaudern, schon steht der UCI Funktionär bei mir und plombiert mein Bike und gibt mir ab jetzt 30‘ Zeit um mich bei der Dopingkontrolle in Gate 7 zu melden. Pia begleitet mich und gibt mir erstmal die dringendst benötigten Getränke

Endlich komme ich nach Jahren in den Genuss einer Dopingkontrolle- zuerst wird mein Bike auf Tech-Doping und Gewicht getestet. Dann erfolgt die genau Instruktion durch UCI Kommissär Mr.Smalles zur Dopingkontrolle Prozedur, welche aber nicht ohne einen offiziellen Ausweis oder Lizenz erfolgen kann- hektische Telefonate mit Pia und Manfred, welcher mir dann im Hotel, nach suchen und wühlen in meinem Gepäck, ein WhatsApp Foto mit meiner UCI Lizenz sendet. Als erster der 10 definierten Probanden kann ich die A und B Probe dem Reglement entsprechend mit Urin füllen- auf eine Blutkontrolle wurde vermutlich aus Kostengründen verzichtet, was ich persönlich sehr bedaure.. mit „No news are good news” werde ich verabschiedet.

Ab 15.00 Uhr finden die Siegerehrungen mit Weltmeister Trikot, Medaillen und National Hymne statt- sportlich der ergreifendste und emotionalste Moment in meinem Leben, den ich nie vergessen werde.

Podium
Ein Traum wird wahr- Danke für alles

Alles ist auf den Punkt perfekt zusammen gekommen- Top Form, technisch und taktisch alles richtig gemacht, das nötige Glück und- ich wollte tatsächlich endlich mal kein Geld verdienen sondern einfach Velofahren….

Wer Lust hat kann auch auf Strava den Rennbericht von Bruce Bird lesen- geschrieben von einem wahren Sportsmann- Bruce, du hast meinen vollsten Respekt

Ride on

Dani

UCI Grand Fondo Championships Poznan / Polen 29.08.-01.09.2019